Sonntag, 8. März 2015

Tanz der Gummistiefel

Wochenende - Zeit zum Reisen. Nach der Schule, die gegen 12.30 Ihr endet, geht es mit der Stadtlinie zum nördlich gelegenen Busterminal in Quito. Bus fahren ist hier immer ein Erlebnis, denn die Busse sind hoffnungslos verstopft. Das ungeschriebene Gesetz, was man aus Deutschland kennt: "erst aussteigen lassen, dann einsteigen" gibt es hier nicht. Die Türen sind maximal für 30 Sekunden geöffnet und wenn man mitfahren möchte muss man die Ellenbogen ausfahren und einfach nur drängeln. Gleiches Spiel beim Aussteigen, was uns diesmal erspart bleibt da wir bis zur Endstation fahren.
Bus fahren, ob innerhalb der Stadt für 25 Cent oder quer durch Ecuador ist sehr günstig. Unsere zweieinhalbstündige Fahrt nach Mindo in den Nordwesten des Landes kostet 2,50 USD und ist verglichen mit der Leistung ein Schnäppchen.

Die Busfahrt an sich ist angenehm, da sich die Straßen erstmal durch die Anden schlängeln müssen und somit ein wunderschönes Panorama entsteht. Auf der einen Seite fährt man direkt am Felshang entlang, von dem man nicht einmal die Spitze sehen kann, und auf der anderen Seite bietet sich ein Blick über ein Tal direkt zur anderen Seite einer Felswand. Je weiter man sich vom Stadtkern entfernt, desto grüner wird die Vegetation und bald sieht man kaum noch die Felsen. Dazu kommen bald Nebelschwaden, die sich an den Spitzen der Berge entlang ziehen und bald kaum noch die strahlende Sonne hindurch lassen. Wir sind im Nebelwald angekommen, ihn charakterisieren die typischen Nebelschwaden, die durch das einzigartige Panorama alles in eine geheimnisvolle Atmosphäre tauchen.

Mindo ist ein relativ kleiner Ort in einem Tal gelegen und umgeben von den Anden. Jeden Tag sieht man die Nebelschwaden, die ebenfalls jeden Tag für Regengüsse sorgen. Es gibt eine Hauptstraße mit mehreren kleinen abgehenden Straßen, und durch sehr viele Baustellen erweckt es den Eindruck noch unvollendet zu sein. Die Hauptstraße ist nicht asphaltiert und erinnert mehr an eine Holperstraße mit riesigen Schlaglöchern, an den Seiten stehen überall Türme an Steinen um einmal einen Bürgersteig entstehen zu lassen.
Da Mindo nur knapp zwei Stunden von Quito entfernt ist, ist es für Wochenendenausflüge sehr geeignet und besonders bei Backpackern sehr beliebt. Dieser kleine Ort lebt vom Tourismus, es gibt Hotels wie Sand am Meer und jede Menge Freizeitangebote die zu einem Abenteuer einladen.

Wir brechen am Samstagmorgen auf um wandern zu gehen. Mit dem Taxi geht es erst durch Mindo und dann den Berg hinauf zu einer Haltestelle der Seilbahn. Dabei ist es kein normales Stadttaxi, sondern ein Geländewagen, der auf der Transportfläche ein Brett als Sitzbank hat. Man spürt jedes einzelne Schlagloch, bekommt dafür aber die Möglichkeit tolle Fotos zu schießen ohne eine Glasscheibe im Weg zu haben. An der Seilbahn heißt es warten, denn es ist nur ein Seil vorhanden auf dem die Kabine hin und her fährt. Eigentlich ist es mehr eine Art Gerüst aus Eisenstangen, in dem bis zu fünf Personen Platz finden um über das Tal auf die andere Seite gebracht zu werden.
Während der Fahrt in knapp 152 m Höhe hat man ein einmaliges Panorama um sich herum, wohin man nur schaut ist Wald und unter einem ein Flußbecken, dass sich unter Getöse seinen Weg durch den Urwald bahnt. Es fühlt sich wie fliegen durch eine atemberaubende Landschaft an, wie ein freier Vogel im Wind.

Auf der anderen Seite angekommen geht es zuerst nach rechts, einem kleinen Weg folgend, der irgendwann an einem Wasserfall enden soll.
Es ist wie eine Wanderung durch einen unberührten Urwald, nur der kleine Pfad existiert. Es geht immer am Hang entlang, links direkt an der Felswand und rechts der nahende Abgrund. Es gibt so viele Pflanzen in unterschiedlichen Farbtönen, immer wieder sticht eine Blüte in rot, lila oder rosa hervor mit einem gelben Kern. Und zwischen den Bäumen sieht man immer wieder das Bergpanorama, nur Natur und nichts weiter.
Nach einer guten Stunde wandern und klettern erreichen wir den Anfang des ersten Wasserfalls. Von einer offenen Höhle stürzt sich das Wasser hinunter und um wirklich bis zum Wasserfall vorzudringen, müssen wir eine kleine, schmale Holztreppe empor klettern. Es ist glatt und nicht alle Stufen sind noch fest verankert, dafür lohnt es sich. Oben angekommen fühlt man sich wie in einem Märchen, es ist als wäre man an einem anderen Ort. Es ist eine Höhle die nach oben hin geöffnet ist, riesige Felswände erstrecken sich in den Himmel und dann mitten drin stürzt sich der Wasserfall in die Tiefe. Bis auf das laute Tösen des Wassers ist es absolut still. Man wird in einen Bann gezogen, der etwas geheimnisvolles in sich birgt und man möchte gar nicht mehr weg von hier.

Es fängt an zu regnen, und wir treten unseren Weg zurück an. Wieder die Treppe hinunter, den gleichen Pfad zurück um dann die andere Seite zu erkunden. Hier verbergen sich insgesamt fünf Wasserfälle, die wie eine Reihe sich dann gefühlt alle paar Minuten in die Tiefe stürzen. Mittlerweile wird viel geklettert, und man bekommt die Höhe zu spüren. Es regnet ununterbrochen und alle sind pitschnass. Aber man wird belohnt für seine Ausdauer mit spektakulären Wasserfällen. Es scheint alles so unberührt hier, direkt im Urwald erinnern nur kleine Wegmarkierungen daran, dass hier jeden Tag Menschen entlang wandern. Wir reden nicht viel, denn dafür ist die Stille viel zu einnehmend. Wie kleine Soldaten stehen wir in einer Reihe vor den Wasserfällen und genießen diesen wundervollen Anblick.
Ganz zum Abschluss wartet dann noch einmal ein Abenteuer auf uns. Um den letzten Wasserfall zu sehen, müssen wir einen anderen passieren. Dabei ist das Flussbecken knöcheltief, hatte eine starke Strömung und war ziemlich breit gezogen. Also hinein mit den Füßen, zögern hat keinen Sinn, denn es ist eh schon alles nass. Ganz langsam geht es durch den Fluss zu einem Holzbrett, auf dem man das letzte Stück balancieren kann. Es ist glatt und ein wenig Geschick braucht hier jeder, dafür ist diese Atmosphäre einzigartig. Ich fühle mich wie ein kleines Kind mit seinen Freunden auf einem riesegen naturbelassenen Spielplatz mitten im Urwald.
Das letzte Stück zum letzten Wasserfall ist hart, denn die Kräfte sind langsam aufgebracht. Und dann stehen wir vor ihm und sind einfach nur sprachlos. Klatschnass, ausgepowert, aber dafür so unfassbar glücklich.
Mitten in Ecuador finde ich das Glück, was mir zeigt, wie wunderbar das Leben sein kann.

- Lin.

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