Sonntag, 12. Juli 2015

Kultur in den Bergen

Am späten Sonntagvormittag nehmen wir uns ein Taxi und erklären dem Fahrer wo wir hin wollen. Er ist etwas skeptisch, dass wir als Touristen zu so einem Ort wollen, aber natürlich fährt er uns und erzählt uns einiges darüber. Die Fahrt ist lang denn wir müssen raus aus der Innenstadt, hinein in einen der Außenbezirke. Wir sind alle etwas aufgeregt denn so ganz wissen wir nicht was uns erwartet und wie es verlaufen wird. 
Als wir ankommen, sind schon eine Menge Leute dort und fast alle tragen weiße T-Shirts. Man hört gedämpft Trommeln und entfernt werden Lieder gesungen. Wir steigen aus und werden von einer älteren Dame begrüßt, die uns gleich die benötigten Eintrittskarten verkauft. So leicht haben wir uns das nicht vorgestellt und auch der Preis ist günstiger als erwartet.
Wir wollen weiter gehen und müssen dafür die Sicherheitskontrolle passieren. Eigentlich kennen wir das von Zuhause und doch war es vollkommen anders. In Deutschland warten Männer und Frauen in gelben/orangen Westen zum abtasten auf einen, hier begrüßt uns eine Gruppe aus Männern und Frauen, gekleidet in Uniform und ausgestattet mit Waffen. Etwas mulmig wird uns schon, aber zu unserer Überraschung werden wir nur kurz abgetastet und dürfen weiter gehen. Vielleicht eine Art Touristenbonus.

Jetzt sind wir drin. Im Herzstück des ecuadorianischen Vereins Liga Deportiva Universitaria, im Estadio La Casa Blanca. Zu Beginn wirkt es einfach, schlicht und ein wenig düster, aber je näher man dem Spielfeld kommt desto heller wird es. Wir finden unsere Plätze relativ schnell, entscheiden uns aber für eine andere Tribüne. Das ist relativ einfach denn es ist bei weitem nicht ausverkauft und Karten an jedem Block werden eh nicht kontrolliert da alles offen ist (bis auf den Gästebereich). Die gewohnten Plastikplätze wurden hier gleich weggelassen und man sitzt direkt auf Steinbänken, es gibt nicht viel zu entdecken was einem vom Getümmel auf dem Platz ablenken könnte - keine  riesengroßen Infotafeln, keine Werbeplatzierung an jeder kleinsten Ecke. Zum gewohnten deutschen Stadionumfeld wirkt es alles sehr viel einfacher gehalten und das Augenmerk liegt auf dem Platz.
Dort befinden sich einige aufgeblasene Plastikfiguren mit Werbung und sie erinnern mich etwas an diese Sommer-, Stadt- oder Familienfeste, bei denen man solche Aufsteller immer findet. Dabei kommt mir der Stadionbesuch auch eher wie ein Familienfest vor. Um uns herum sitzen meist Familien mit kleinen Kindern, die frei herum rennen und sich mit dem Maskottchen beschäftigen während die Eltern das Spiel verfolgen. Später erfahre ich, dass sich nur im Ultrasblock  fast keine Familien/Kinder befinden.
Wir wissen zwar immer noch nicht wirklich was da auf uns zu kommt, den noch ist keine Mannschaft zu sehen, aber wir geben dem Fußball hier in Ecuador eine Chance. Es ist nicht unsere Lieblingsmannschaft die da spielt, weswegen wir uns zurücklehnen und einfach alles genießen können.

Kurz vor Zwölf wird es dann leise im Stadion und aus dem Spielertunnel kommt Nebel. Es ertönt Musik und nach und nach erscheinen die Spieler mit ihren Einlaufkindern um sich am Mittelkreis aufzustellen. Mein Freund und ich sind beide der Ansicht, dass man sowas auch mal unbedingt für ein Bundesligaspiel ausprobieren sollte - hat nämlich was.
Vor dem Anpfiff sollen wir dann aufstehen, denn es gibt eine Schweigeminute, an deren Grund ich mich nicht mehr erinnern kann. Dann wird die Partie angepfiffen und fast zeitgleich startet der Heimblock mit seiner Unterstützung. Es gibt zunächst eine kleine Choreo mit lauten Gesängen. Extrem lauten Gesängen, unterstützt durch Trommeln. Alles wird während der gesamten Partie nicht einmal aussetzten.



Vom Spiel her gibt es nicht viel sehenswertes. Es ist ziemlich hart, es wird oft gegrätscht und es gibt immer wieder Unterbrechungen, weil irgendein Spieler auf dem Boden liegt. Es zieht sich ein wenig, und mein Freund fragt sich wann hier endlich mal gezaubert wird. Diese Frage bekommt er wohl nie beantwortet, denn es geht unermüdlich weiter mit den Fouls.
Zu unserer Überraschung fällt dann das erste Tor für die Heimmannschaft, nicht übermäßig spektakulär, aber doch schöner als wir ihnen zugetraut hatten. Von dieser Sorte an Toren werden noch einige fallen, aber uns ist das egal. Wir beobachten viel lieber die Leute wie sie auf das Spiel reagieren und es kommt Freude auf. Da wir ja anscheinend im Familienblock gelandet sind, ist es hier relativ ruhig. Bis das Tor fällt.
Man springt auf, liegt sich in den Armen und vergisst für einen Moment alles. Eine Torjubelmusik gibt es nicht, dafür sorgen die Fans selber:

Yo te daré
te daré Liga hermosa
te daré una cosa
una cosa que empieza
con L
con I
con G
con A
LIGA CAMPEON!

Gesungen, eigentlich mehr geschrieen vor Glück, wird es von allen die sich im Stadion befinden. Wirklich beeindruckend wenn knapp 10.000 Menschen es machen, denn die Akustik ist sehr gut. Wir haben Gänsehaut und ich kann es kaum abwarten bis zum nächsten Tor, nur allein wegen diesem Jubel.



Heute erinnere ich mich kaum noch an das Spiel oder einen einzigen Spielernamen. Aber an diesen Jubel, an diese Freunde, da werde ich noch in zehn Jahren drüber sprechen.
Am Ende des Tages sind mein Freund (seinen Heimatverein verschweige ich lieber) und ich uns einig - auch am anderen Ende der  Welt wird man mit heimischen Fußball glücklich.

- Lin.

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