Freitag, 19. Juni 2015

Aufbruch

Vor jeder Reise empfehlen einem die Ärzte, sich doch gut möglichst auf jede potenziell auftretende Krankheit vorzubereiten. Ratgeber, Impfungen, Beratungen, noch mehr Ratgeber. Lektüre über Lektüre bekommt man eine Vorahnung, worauf man alles stoßen könnte und am Ende möchte man doch lieber zuhause bleiben.

Bis auf den Vorfall in Neuseeland habe ich alles ziemlich gut überstanden und sitze nun Zuhause. Mit gebrochenem Herzen.
Auf alles wird man vorbereitet, aber wer stellt schon Medizin her für Reisefernweh? Ich fahre im Auto durch die Stadt und sehe wie sich nichts verändert hat. Auf der immer gleichen Straße laufen die immer gleichen Menschen (nur zwei Tage nach meiner Rückkehr habe ich schon 10 Bekannte von früher getroffen), die immer gleiche Reklame lacht einen an, der immer gleiche Müll fliegt überall herum.

Es ist so langweilig hier. In meinen Tagträumen stelle ich mir vor, wie mein Wecker klingelt und ich zu meinem Elefanten gehe und mit ihm eine Ewigkeit verbringe. Wie ich Granadillas sammle und meinen Lieblingssaft daraus mache. Wie ich den Kleidermarkt entlang gehe und die Hosen mit ihren Elefanten, Kreisen, Kringeln, Blumen und bunten Farben bewundere und mir mit meinen Freunden aus der halben Welt aus Witz die gleiche kaufe. Wie wir nachmittags mal einfach so einen freien Fall machen und dabei das Panorama Südafrikas genießen. Wie ich abends zum typischen Braai gehe und es Maisbrei gibt, der mit einer leicht scharfen Soße unglaublich schmeckt. Wie ich abends todmüde zu meiner Schwester in den Campervan steige um zu schlafen.

Aber das gibt es nicht. Hier "zuhause", da gibt es keine Elefanten im Fluss, hab schon nachgeschaut. Exotisches Obst ist kaum vorhanden und wenn ziemlich teuer. Klamotten? Sehen alle aus wie 0815. Die immer gleichen Muster im immer gleichen Schnitt im immer gleichen Laden.
Wenn man Verwandte oder Bekannte trifft, erzählen sie einem, dass man sich verändert hätte, dass man ja eine richtig tolle Dame geworden wäre auf dem Weg in eine tolle Karriere.
Da steh ich dann, zwischen all diesen Leuten in dieser allzu vertrauten Umgebung und schenke ihnen ein Lächeln. Sie kennen mich nicht, kannten mich nie.
Ja ich habe mich verändert, aber wie das beschreiben. Zuallererst äußerlich, aus langen Haaren aus meiner Schulzeit wurden kurze, die mich und meine freche Art unterstreichen. Aus dem langweiligen Schulkleidungsstil wurde sowas wie eine Richtung, in der ich mir nicht mehr reinreden lasse was in oder out ist.
In mir drin ist alles ruhiger geworden, ich bin noch toleranter geworden. Offener für alles. Ich habe gelernt, dass es einzig und allein darum geht glücklich und zufrieden zu sein im Leben. Zumindest in meinem.
Der Satz "Schule bereitet aufs Leben vor" stimmt nicht. Alles erdachte und erlernte in meiner Schulzeit hätten mich nicht mal über den Ozean gebracht.
Man bereitet sich ganz alleine vor.

Aber jetzt muss ich hier erstmal wieder zurecht kommen. Es gibt keine Guten-Morgen-Empanadas mehr, keinen wunderschönen Sonnenaufgang mit Zebras im Hintergrund, kein scharfes Curry zum Mittag und kein Elefantenbad am Nachmittag. Und die Tatsache, dass ich kein Geld zum sofort wieder gehen habe, die schmerzt am meisten.

Neben meinem Bett hängt eine Weltkarte, auf der ich markiere wo ich überall schon war. Wenn ich mal nicht schlafen kann, dann sehe ich sie mir an und träume von der nächsten Reise.

Ich bin nicht auf dem Weg in eine gute Karriere, ich bin auf dem Weg ins nächste große Abenteuer, auch wenn ich dafür erstmal mein gebrochenes Herz verarzten muss.

- Lin.

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